Seminararbeit im Rahmen des Hauptseminars „Frauengestalten des Hochmittelalters“, gehalten an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Wintersemester 1998 unter der Leitung von PD Dr. theol. Jörg Ulrich, Institut für Kirchengeschichte (PDF, ca. 2 MB)
"Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Mystikerin Mechthild von Magdeburg, deren Visionen, Meditationen und Gebete von der sogenannten „unio mystica“ bestimmt sind. Um jedoch sowohl Mechthild von Magdeburg als auch ihr Werk richtig verstehen zu können, sei zunächst eine Klärung zu den Begriffen „Mystik“ und „unio mystica“ vorangestellt.
Der Begriff „Mystik“ bezeichnet im allgemeinen eine „Sonderform religiöser Anschauung und religiösen Verhaltens, die einen bestimmten Frömmigkeitstypus hervorbrachte.“ Zurückgehend auf Thomas von Aquin und Bonaventura wird Mystik im klassisch-katholischen Sinn als „cognitio Dei experimentalis“ definiert. Wesentliches Ziel der Mystik ist die „erfahrbare Verbindung mit der Gottheit“, die sich bis zu einer als Vereinigung erlebten Nähe, der unio mystica, steigern kann. Als Weg dazu dienen bewußtseinserweiternde Praktiken, vor allem Meditation und Askese. Neben der Schau und der Vereinigung zählen zu den mystischen Charismata auch die eingegossene Erkenntnis und Erscheinungen, aber auch Visionen, Auditionen, Stigmatisierungen und ähnliches.
Die höchste Stufe, die innerhalb der Mystik erlangt werden kann, ist die unio mystica, die mystische Vereinigung. Die purificatio, die aktive und passive Reinigung, und die Erleuchtung, sc. ein „radikal objektloses Werteerleben in der reinen Innerlichkeit (Illuminatio)“, sind dabei wichtige Voraussetzungen auf dem Weg zur unio mystica. Nachdem der Mystiker diese Stufen der Reinigung durchschritten hat, gelangt er zu einem derart bewußtem Innewerden Gottes, welches er erleidet und mit Worten nicht mehr adäquat umschreiben kann. Dabei wird die freie Erkenntnis Gottes dem Mystiker aus freier Gnade Gottes zuteil. Hierin und darin, daß die unabdingbaren Voraussetzungen für das Erleben einer mystischen Vereinigung die Vorbereitung, die Askese und die Reinigung sind, stimmen alle Mystiker überein, die zur unio mystica gelangt sind."